klar

Naikan

Was ist NAIKAN?

NAIKAN ist eine Selbsterfahrungsmethode aus Japan. Das Wort NAIKAN bedeutet Innenschau (NAI = Inneres; KAN = beobachten).

In einem siebentägigen Schweigeseminar werden Beziehungen zu wichtigen Bezugspersonen von der Kindheit bis zur Gegenwart betrachtet. Dabei stehen drei Fragen im Mittelpunkt:

Was hat eine bestimmte Person für mich getan?

Was habe ich für diese Person getan?

Welche Schwierigkeiten habe ich dieser Person bereitet?

In der Regel dauern die Seminare sieben Tage. Von 06 - 21 Uhr halten sich die Teilnehmer in einem gemeinsamen Übungsraum auf. Sie sind dort durch Wandschirme voneinander getrennt. Die Zeit der Betrachtung wird lediglich durch drei Mahlzeiten und eine fest verabredete Duschzeit unterbrochen.

Zur Nachtruhe werden sie in Einzelhafträumen untergebracht.

Die Teilnehmer verzichten in dieser Woche auf:

• Telefonate

• Briefverkehr

• Besuch

• Radio, TV, Unterhaltungslektüre

• Freistunde

• Vollzugslockerungen

• Vergütung

Während des Seminarverlaufs wird nicht miteinander gesprochen. Einzige Kontaktperson ist der NAIKAN - Begleiter. In 60-90minütigen Abständen hört er den Erinnerungen des Teilnehmers ohne Wertung oder Beurteilung zu.

NAIKAN ist darum frei von religiösen oder psychotherapeutischen Inhalten.

Warum NAIKAN ?

Ein Leben lang begleitet uns die Frage: "Welche Probleme haben mir andere bereitet?" Der Vater, der sich nie um mich gekümmert hat, die Mutter, die ständig genervt war, die Partnerin/der Partner, der mich gekränkt hat.

Dadurch lernen wir, uns als Opfer anderer oder unserer Lebensumstände zu sehen.

Durch die drei Fragen, denen sich die Teilnehmer im NAIKAN - Seminar stellen, wird diese Sichtweise ergänzt und sehr oft verändert. Es kommt zu einer In-Frage-Stellung der bisherigen Sichtweise. Im Laufe der Tage lernt der Teilnehmende immer mehr, sich und sein Leben aus der Perspektive der Anderen zu sehen.

Durch die drei NAIKAN - Fragen kehrt die Vergangenheit immer klarer in das Gedächtnis der Teilnehmer zurück. Schönes und Trauriges, Vergessenes und falsch Erinnertes. Im Laufe der sieben Tage und Nächte werden immer mehr Emotionen in unterschiedlicher Intensität berührt und geweckt. Freude, Traurigkeit, Bedauern, Scham und Verzeihen wechseln sich ab.

Durch diese sich von Tag zu Tag vertiefende Innenschau verändert sich die Perspektive. Der Blick für die eigene Verantwortung fängt an, die eigene Lebenssicht mehr und mehr zu bestimmen. Aus: "Meine Mutter hat mich ständig genervt" wird: "Ich bin nie pünktlich nach Hause gekommen, und dadurch war sie ständig in großer Sorge." I

Indem ich mir vor Augen halte, wie meine Mitmenschen mich gesehen haben oder sehen, erfahre ich, wie ich wirklich bin. Ich erlebe, dass eine andere als die bisher gewohnte Wahrnehmung der inneren und äußeren Welt möglich ist. So lösen sich allmählich alte Denkmuster auf, schaffen neuen Raum für Liebe, Achtung, Einsicht und Dankbarkeit uns selbst und anderen gegenüber.

Für wen NAIKAN?

NAIKAN ist geeignet für Menschen, die die Bedeutung ihrer zwischenmenschlichen Beziehungen erkennen und sich auf die eigene Verantwortung ihrem Leben gegenüber einlassen wollen.

Um NAIKAN zu praktizieren, sind keine besonderen Fähigkeiten oder geistigen Vorbereitungen erforderlich. Voraussetzungen für den NAIKAN - Weg sind der Wunsch und die Bereitschaft, in Stille die innere Welt betrachten zu wollen und mit Veränderungen bei sich selbst zu beginnen.

NAIKAN in der JVA Sehnde

In der JVA Sehnde stehen in einem eigenen Bereich fünf Plätze für NAIKAN - Teilnehmer zu Verfügung. Er kann auch von Teilnehmer aus anderen Justizvollzugsanstalten genutzt werden.

Die JVA Sehnde kooperiert bereits mit der JVA Celle. Für die Durchführung der Seminare stehen für beide Justizvollzugsanstalten gegenwärtig drei NAIKAN - Begleiter zur Verfügung.

Erfahrungsbericht eines Gefangenen zwei Monate nach einem Seminar

"In den letzten 30 Jahren habe ich mir immer wieder regelmäßig eingeredet, dass ich von meinen Eltern nie geliebt wurde. Ich glaube, dass ich in diesen Jahren nichts so sehr perfektioniert habe wie das Abgeben jeglicher Verantwortung an andere.

Erst durch Naikan konnte ich erkennen, wie viel Liebe und Energie meine Eltern und meine Geschwister aufbrachten, um mich vor meinem eigenen Untergang zu bewahren. Die vielen Jahre war ich der Überzeugung, dass wenn jemand ein Recht darauf hat, ein "Opfer" zu sein, dann bin ich es. Dass ich in gewisser Weise bereits in frühester Kindheit "Täter" war, wurde mir erst durch Naikan bewusst.

Ich wurde während des Seminares gefragt, ob ich eine Ahnung habe, wie sich eines meiner Opfer gefühlt haben könnte, als ich es mit der Waffe überfallen habe. In der Frage lag kein Vorwurf und doch wollte ich der Frage ausweichen. Als ich mich selbst dabei erwischte, wie ich mich wieder meiner Verantwortung entziehen wollte, kam für mich der Durchbruch. ... Nicht aus mangelndem Interesse für die Opfer, sondern vielmehr aus Scham habe ich es in der Vergangenheit vermieden, mich damit auseinanderzusetzen, was jedes einzelne Opfer empfunden haben muss.

Seit Naikan habe ich keine Rechtfertigungen oder Erklärungen mehr, die es mir erlauben, weiterhin Drogen zu konsumieren, denn meine Eltern haben mich geliebt. Es gibt also keinen Grund mehr, irgendetwas, das angeblich nie vorhanden war, durch Drogen ersetzen zu müssen.

Wenn mich als Musiker etwas in den letzten Jahren wieder in den richtigen Takt gebracht, dann war es Naikan."

zum Seitenanfang
zur mobilen Ansicht wechseln